zwischen sein und schein

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lebens-blut

Sollte ich mich nicht eigentlich schlecht fühlen, weil ich zunehmend beginne, nicht mehr an H. zu denken? Wie oft ertappe ich mich in letzter Zeit dabei, dass ich doch tatsächlich für Tage, sogar ab und zu schon Wochen völlig vergessen habe, dass es ihn gibt. Dann denke ich natürlich wieder an ihn, versuche mir vorzustellen, wie es war, mit ihm zusammen zu leben. Ich weiß es nur noch bruchstückhaft, ich habe Bilder in der Erinnerung, Momentaufnahmen, aber kein Gefühl. Kein Gefühl...

Ich empfinde nichts, wenn ich an ihn denke - er ist für mich wie ein fremder Mensch, dem ich irgendwann einmal begegnet bin. Ist das nicht Wahnsinn, ich meine, es ist gerade mal fünf Monate her, seit ich ausgezogen bin und immerhin waren wir stolze 12 Jahre zusammen. Verstandesmäßig weiß ich, welchen wichtigen Teil er zu meinem Leben beigetragen hat; er war der Wegbereiter, ohne den ich niemals dorthin gekommen wäre, wo ich jetzt bin. Alles hat dazu führen müssen, auch wenn es ein schmerzhafter und steiniger Weg war. Jetzt weine ich, aus Dankbarkeit, denn dankbar kann ich ihm sein. Und ich weine aus Glück, denn so glücklich wie jetzt war ich noch nie. Vielleicht kann A. ihn trotz allem eines Tages auch als das sehen (irgendwann, wenn der Abstand groß genug geworden ist), was er im Nachhinein betrachtet für mich war - der Wegweiser zu der Person, die ich jetzt geworden bin und vor allem zu A., den ich vielleicht niemals kennen gelernt hätte, wäre mein Leben anders verlaufen.

Ja, früher war ich wohl die Frau eines Mannes, nicht mehr. Ich bin leer aus einer kaputten Familie gekommen, auf der Suche nach dem Gefühl, irgendwo hin zu gehören. Er hat diese Leere mit seiner Liebe und Fürsorge gefüllt, bis kein Platz mehr für mein Selbst war. Er hat das Beste daraus gemacht, mit Sicherheit, damals war es genau das, was ich gebraucht habe. Es ist als wäre ich die ganze Zeit bewusstlos gewesen; heute fällt es mir erstaunlich schwer, mich an die schönen Dinge zu erinnern, obwohl ich genau weiß, dass es davon natürlich sehr viele gegeben haben muss. Vielleicht liegt das auch daran, dass ich jetzt alles mit anderen Maßstäben messe, mit solchen, die ich damals gar nicht gekannt habe.

Heute bin ich ein Teil einer wundervollen Partnerschaft und noch mehr: Ich bin ich, habe ein eigenes Leben, das unabhängig ist und nicht blockiert oder fremdgeleitet, sondern vom männlichen Teil meiner Seele ergänzt wird. Heute träume ich nicht mehr, wie mein Leben unaufhaltsam aus mir heraus fließt, bis ich keine Kraft mehr habe, ich träume von Nähe, von Geborgenheit, von Sex und noch mehr Nähe, von einem Gefühl des Ganz-Seins: Alle diese Träume sind doch nur Erinnerungen an etwas bereits geschehenes, etwas, das geschieht und immer wieder geschehen wird.

Es ist jetzt fast 14 Jahre her, dass ich diesen gewissen Traum hatte; es war der erste und einzige in meinem bisherigen Leben, den ich nur ein einziges Mal geträumt habe und der mich so tief berührt hat, dass ich nach all den Jahren immer noch die Bilder vor mir sehe. Der einzige Traum, über den ich je intensiv mit meiner Mutter gesprochen habe, weil er mich nie losgelassen hat. Er war groß und blond und alles was er mir gegeben hat, war eine innige Umarmung, inmitten der zerstörten Mauern meiner Heimat und dem Gefühl von nackter Todesangst. Sein Gesicht habe ich nie gesehen, auch nicht die unzähligen Male, die ich im Laufe der Zeit versucht habe, dahinter zu kommen, wer er ist. Genau dieser Umarmung bin ich nachgejagt, das war es, was ich fühlen wollte, irgendwann einmal in meinem Leben. Vielleicht hört sich das exzentrisch an, wahrscheinlich auch ein bisschen verrückt, aber es war mein Strohhalm, ein ewiges Ziel, das ich verfolgen konnte, ganz egal, was im echten Leben mit mir passiert ist.

Und dann war sie plötzlich da. Nicht die Umarmung, sondern eine Berührung, die mir mehr als unter die Haut gegangen ist. Er hat mich so tief berührt, wie noch kein anderer Mensch zuvor und es war mit einem Mal eine Verbindung da, so als hätten wir schon immer zusammen gehört. Danach hat er mich noch unzählige Male so berührt und das tut er seitdem immer und immer wieder. Jedes bisschen Nähe geht mir tief unter die Haut und ich will ihn hinein lassen, bis ganz innen, in meine Seele, die dann zuhause ist. Und jede einzelne seiner Umarmungen fühlt sich so an wie diese, auf die ich so lange gewartet habe. Kann sich ein Mensch auf dieser Welt vorstellen, wie sehr ich ihn dafür liebe?

Es fällt mir zeitweise immer noch schwer, mich darauf zu verlassen, dass all das echt ist, auch wenn ich mich langsam daran gewöhne, Dinge zu wissen, ohne einen Beweis dafür zu haben, den mein hyperaktiver Verstand akzeptiert. Aber ich lerne von ihm, da ist er mir immerhin einige Schritte voraus. Noch ist vieles kompliziert, weil manche Verletzungen viel mehr Zeit brauchen als nur diese paar Monate, und sie machen mich nachdenklich, befangen, zweifelnd, ungerecht und verletzend; sie kommen einfach hoch - ungefragt. In der übrigen Zeit allerdings danke ich jeden Tag, jeden Tag eigentlich sogar mehrmals von Herzen dafür, dass er in mein Leben gekommen ist und vor allem, dass er hartnäckig genug war, meine Ängste vor den großen Veränderungen nicht zu akzeptieren. Und ich bitte darum, dass er bleibt.

8.8.10 14:27


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